Meine Ouessants – Bretonische Zwergschafe

Das Klima auf der Île d’Ouessant ist vergleichsweise mild. Die Durchschnittstemperatur im Januar liegt bei 8,5°C. Im August, dem heißesten Monat, liegt sie bei 16°C. Schnee kommt so gut wie gar nicht vor. Aufgrund ihrer exponierten Lage ist die Insel allerdings insbesondere im Winterhalbjahr häufigen und starken Stürmen ausgesetzt. Im Durchschnitt gibt es im Oktober 12 Tage, im November 19 Tage, im Dezember 21 Tage, im Januar 20 Tage, im Februar und März 16 Tage mit stürmischen Winden auf der Insel. Selbst im April stürmt es noch an durchschnittlich 13 Tagen im Monat, im Mai an 10 Tagen. Der Wind und der ihn desöfteren begleitende Regen war der eigentliche maßgebende Faktor für die Schafhaltung auf der Insel. Er machte ein robustes, wetterfestes Schaf mit einem mischwolligen Flies erforderlich.

Mitte des 19. Jahrhunderts befanden sich im Schnitt 6000 Schafe auf der Insel. Eine Zählung des Jahres 1857 ergab 5903 Schafe, 669 Rinder und 427 Pferde. Bis in das späte 19. Jahrhundert werden in den historischen Überlieferungen, den bevorzugten Tracht- und Kleiderfarben entsprechend, ausschließlich kleine schwarze Schafe erwähnt. Ihre Wolle wurde zur Produktion eines robusten Stoffes für die Alltagskleidung der Insulaner gebraucht. Im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert erscheinen dann in den schriftlichen Quellen und auf historischen Photographien neben schwarzen auch weiße Ouessantschafe. Es ist eine Zeit, in der die Eigenproduktion von schwarzer Wolle zunehmend an Bedeutung verliert. Natürlich wurde auch das Fleisch der Schafe verzehrt. Es hatte sogar auf dem Festland, wegen seines salzigen Aromas, einen guten Ruf. Es wurden dementsprechend regelmäßig Schafe von der Insel an das Festland verkauft. Sie galten als klein ( eine Quelle des 19. Jahrhunderts nennt ein Gewicht von 15 kg ), aber sehr wohlschmeckend.

Traditionell, also im 19. Jahrhundert, beweideten die Schafe auf der Île d’Ouessant nach der Ernte, ab Ende September, freilaufend die abgeernteten Ackerflächen ( u.a. wurden verschiedene Getreidesorten angebaut ) auf der gesamten Insel. Die Tiere konnten darüberhinaus auf allen nicht eingezäunten Ländereien der Insel grasen, also auch an Wegrändern u. ä. Sie hatten allerdings keinen Zugang zu den ummauerten Hausgärten und auch nicht zu den sogenannten Parkou, ummauerte Flächen, die ab dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts vermehrt zur Aufzucht von Europäischem Ginster genutzt wurden. Diese Ginsterart gewann auf der Insel als Brennmaterial, insbesondere für die Brotbacköfen, zunehmend an Bedeutung und wurde aufgrund des Mangels an Brennstoff sehr wichtig.

Im Frühjahr, am 15. März, wurden die Schafe von den
Inselbewohnern zusammengetrieben und auf ihre jeweiligen Besitzer verteilt. Sie wurden nun während der Wachstumsperiode der Feldfrüchte paarweise angepflockt gehalten. Das geschah zum Schutz der heranwachsenden Feldfrüchte. Die Tiere befanden sich also in Anbindehaltung auf Parzellen des jeweiligen Eigentümers. Die Parzellen, die für diese paarweise Anbindehaltung an in den Boden eingerammten Plöcken genutzt wurden, befanden sich nahezu ausschließlich auf Flächen mit magerem, salztolerantem Bewuchs entlang des windigen, oft einer salzigen Gischt ausgesetzten Küstenstreifens der Insel. Hier war kein Ackerbau möglich. Die Pflöcke wurden samt der daran an langen Seilen angebundenen Schafe in regelmäßigen Abständen umgesetzt. Während dieser Zeit der Anbindehaltung wurden die Lämmer geboren und die Schafe geschoren. Einem Photodokument aus den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts nach zu urteilen, wurden sehr junge Lämmer erst einmal noch nicht angepflockt. Später, sobald sie heranwachsenden Feldfrüchten gefährlich werden konnten, wurden auch sie, als Paar zusammen mit ihrer Mutter, in Anbindehaltung gehalten.
Als Schutz gegen den oft sehr stürmischen Wind dienten dienten so genannte Gwaskedou ( das ist der Plural, im Singular Gwasked ). Dabei handelte es sich um kleinräumige, dachlose Steinmauerkonstruktionen, die die Form eines dreistrahligen Sterns oder auch eine T – Form aufwiesen. Die Schafe konnten, je nach Windrichtung, dahinter Schutz suchen. Siehe auch:http://biogue.com/index.php?showimage=1567

Vor der Nutzung der Parkou zur Aufzucht von Europäischem Ginster wurden während der Erntezeit die Schafe aus der Anbindehaltung befreit und in diese ummauerten Parkou eingetrieben. Nach der Ernte, Ende September, wurden sie dann freigelassen. Mit der Umnutzung der Parkou, vom Schafgehege während der Erntezeit hin zur geschützten Anbaufläche für den Europäischen Ginster, verlängerte sich die Zeit der Anbindehaltung. Der letzte große als Schafgehege genutze Parkou lag im Südosten der Insel. Mit seiner Umnutzung ab 1857 endete die Phase der Einhegung von Schafen auf der Insel Ouessant während der Erntezeit.

Also: die Schafe lebten in Anbindehaltung im Sommerhalbjahr und freilaufend im Winterhalbjahr. Es gab keine Ställe, sondern Steinmauerkonstruktionen zum Schutz gegen den Wind. Selbstverständlich nutzten die Schafe auch natürliche Schutzmöglichkeiten, wie Bodensenken und Felsen als Witterungsschutz.

Das Ouessant ist eine Schafrasse mit einer sehr alten und interessanten Geschichte. Wir sollten gut auf die Erhaltung der Rasse acht geben.

 

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